10.02.2017

Die Kirche und die Sprache

Versteht uns noch einer?

„Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“. Mit dieser Behauptung hat der Kommunikationsberater Erik Flügge Diskussionen ausgelöst. Fünf Thesen für Menschen, die heute über den Glauben reden wollen.

Für kirchlich Unkundige muss man so manches Wort übersetzen.
Grafik: Martin Schmitz

1. Man muss etwas zu sagen haben 

Die Kritik an kirchlicher Sprache stimmt, sagt die Theologin Ute Leimgruber. Aber Tipps zur guten Sprache sind „nur eine Symptombehandlung“. In Wirklichkeit sei das Problem, dass viele Prediger nichts zu sagen haben und sich deshalb in Floskeln flüchten, in das Nacherzählen des Evangeliums oder theologische Erörterungen. „Seit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch nach dem Grund der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“, zitiert sie den ersten Petrusbrief (3,15). Dafür muss man eine Hoffnung haben. Eine Hoffnung, nicht eine Dogmatik, ein Handbuch oder eine Ermahnung.

Oder eine Pflicht. Denn was tut ein Prediger, der um seine Schwäche weiß? Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer hat das in seiner ersten Kaplansstelle erlebt. Seinem alten Pfarrer fiel die Predigt zunehmend schwer. Und er gab es zu. Und gründete einen „Ansprachekreis“ von Gemeindemitgliedern, die etwas zu sagen hatten und einmal im Monat die Sonntagspredigt übernahmen. Ja, das ist verboten. Der alte Pfarrer tat es trotzdem und die Gemeinde dankte es ihm. Predigttalente fördern – das würde mancher Gemeinde helfen.

 

2. Niemand sollte sich selbst verbiegen – bewusst oder unbewusst

Schüler finden nichts schrecklicher als Lehrer, die gewollt cool sind, die gewollt Jugendsprache benutzen, die sich gewollt jugendlich kleiden. Lehrer sind Lehrer, Erwachsene zumal, und das darf man hören und sehen.

Verbiegen – das gilt etwa, wenn jemand Kinder- oder Jugendgottesdienste leiten soll, aber es weder will noch kann. 

Verbiegen – das gilt inhaltlich,  wenn jemand das predigt, von dem er glaubt, dass die Zuhörer es mögen. Oder dass es kirchlich vorgeschrieben ist. Oder gerade modern.

Wer das verkündet, was er oder sie selbst glaubt, dem wird geglaubt. Ganz sicher wird nicht immer jeder zustimmen, vielleicht wird diskutiert, sogar widersprochen. Gut so! Aber Zeugnis zu geben vom eigenen Glauben und vom eigenen Leben, könnte ein Weg sein. Zumal, wenn Glaube und Leben irgendwie übereinstimmen.

Allerdings: „Am amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf kann man sehen, dass man sehr viel Unsinn auch sehr authentisch sagen kann“, scherzte im Januar der evangelische Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm beim Empfang des Bistums Essen. Und das gilt leider auch für Prediger. Deshalb:

 

3. Theologisches Wissen schadet nicht. Und auch ein bisschen „Kirchisch“ darf sein

In einem schriftlich ausgetragenen Streit zwischen dem Kommunikationsexperten Eric Flügge und der Theologin Ute Leimgruber läuft es letztlich darauf hinaus: Stimmt es, dass Verkünder des Glaubens nicht als „Experte“, sondern als „Freund“ wahrgenommen werden sollen, wie Flügge meint? Dass „starke Meinung“ gefragt ist statt Differenzierung? Dass ein Prediger auch „absurde Dinge“ erzählen darf, wenn er damit Gefühle weckt? Die Theologin widerspricht und hält es für „alarmierend“ wenn Flügge begeistert ist „auch wenn fachlich Unsinn gesprochen wird“, wenn einer „als Typ rüberkommt, ohne dass er das, was er sagt, vor der Vernunft zu rechtfertigen versucht“ und mahnt: „In der Verkündigung ist eine bessere Sprache dringend nötig. Aber bitte nicht um den Preis der ,Trumpisierung‘.“

Und bitte nicht um den Preis einer sprachlichen „Verständlichkeit“ auf RTL II-Niveau. Niemand klagt darüber, wenn im Fußballkommentar von „Pressing“ und „Falscher 9“ die Rede ist; oder wenn einem vor Beginn eines Konzerts die „Dynamik des ersten Satzes“ erklärt wird. Wer neu in die Kirche kommt, muss sich eben auch einhören in „Evangelium“ oder „Herr, erbarme dich“. 


4. Erzählen ist oft besser als erklären

Jesus hat nicht deshalb in Gleichnissen gesprochen, weil seine Zuhörer ungebildet waren. Die stärksten Geschichten des Glaubens sind eben Erzählungen, nicht Belehrungen: der Sündenfall, der Durchzug durch das Rote Meer, der verlorene Sohn, der barmherzige Samariter: tiefe Wahrheiten in nachvollziehbaren Geschichten. 

Heute haben Geschichten einen schlechten Ruf. Für Kinder eben. Oder für die leichte Abendunterhaltung im Fernsehsessel. Dabei wird jeder Prediger bestätigen können: Wenn er anfängt zu erzählen – aus dem Altenheim zum Beispiel oder vom Elternabend der Kommunionkinder – dann hören die Leute nicht nur zu, sie setzten sich mit dem Gesagten auch auseinander. Weil es nah an ihrem Leben ist. Weil die lebenskluge alte Frau oder der gestresste Vater Dinge sagen, die alltagstauglich sind.

 

5. Nah am Leben und am Glauben

In der Kirche, so hören es gerade evangelische Prediger oft, wird doch nur politisiert. Flüchtlinge und Waffenexporte, Klimaschutz und Atomkraft. Sicher, das kann zu viel werden. Aber lebensferne Frömmigkeiten auch. Wenn das, was in der Kirche verkündet wird, nichts mit Alltagsfreuden und -sorgen zu tun hat, dann kommen immer weniger dorthin. Wieso ist Glaube wichtig für mein alltägliches Leben? Wie hilft er mir? Wie fordert er mich heraus – auch in der Flüchtlingsfrage? Was will Gott von mir – auch im Supermarkt? Fragen, Impulse, Anregungen aus dem Glauben für mein Leben – dann entgeht man der Gefahr des „kirchisch Sprechens“ ganz von selbst.

Von Susanne Haverkamp