28.02.2017

Die letzten Shaker der USA

Tiefgläubige Kommunisten

Eine Religionsgemeinschaft mit zwei Mitgliedern: Die Shaker in den USA stehen kurz vor ihrem Ende.

Der rituelle "Schütteltanz" wurde zum Erkennungszeichen
der Shaker. Foto: wikimedia

Anfang Januar 2017 trugen die beiden letzten Shaker der USA Schwester Frances Carr zu Grabe. Während der Tod der krebskranken 89-Jährigen Erlösung brachte, war es für Bruder Arnold Hadd (60) und Schwester June Carpenter (78) ein schwerer Gang. Denn damit schrumpfte die am Sabbathday Lake im US-Bundesstaat Maine beheimatete einzigartige Glaubensgemeinschaft um ein Drittel: Bruder Arnold und Schwester June sind die letzten beiden Mitglieder.


Das Ableben von Schwester Frances steht symbohlhaft für das langsame, aber sichere Ende der Shaker. Das liegt zum einen an der auferlegten Kinderlosigkeit der Gläubigen, deren Gemeinschaft 1747 im englischen Manchester ihre Geburtsstunde hatte. Aber auch an der langjährigen Prüfungsphase für potenzielle Neu-Mitglieder.


Dabei sind die Shaker, die sich ihren Namen durch wilde Schütteltänze in ihrer langen Geschichte verdient haben, kein weltabgewandter, asketischer Orden. Sie gelten als kommunikativ, trinken gern mal ein Glas Wein und haben keine Berührungsängste vor neuer Technologie. Autofahren ist ebenso wenig verboten wie Fernsehen. Auch ein Telefon gibt es in der letzten Shaker-Gemeinde von Sabbathday Lake, 20 Meilen im Hinterland von Portland gelegen - und zwar schon seit 1896. Zudem verfügte das Shaker-Dorf mit seinem praktischen, schmucklosen Ambiente schon vor vielen Jahren über ein frühes Modell der Waschmaschine.

 

Das Haupthaus wirkt wie ein Museum

Das Haupthaus der Shaker am Sabbathday Lake
im US-Bundesstaat Maine
Foto: wikimedia

Das einst von 70 Mitgliedern bewohnte Haupthaus ist mit seinen 50 Zimmern inzwischen viel zu groß. Es wirkt heute mehr wie ein Museum, das zeigt, mit wie viel praktischem Sinn die Shaker ihren Alltag organisierten. Das fängt schon mit den Rollen an den Füßen der massiven Tische an - so wird das Putzen einfacher. "Shaker-made" gilt heute als Qualitätssiegel für schlichte, haltbare und handwerklich solide gebaute Tische, Stühle, Regale, Schränke und Kommoden. Ihr berühmtestes Stück stand im Oval Office des Weißen Hauses - ein Schaukelstuhl für den damaligen Präsidenten John F. Kennedy.


Da verwundert es kaum, dass mehr über ihre Schreiner-Kunst bekannt ist als über das spirituelles Leben der Shaker. Dieses nahm in den USA seine Anfänge, als eine gewisse Ann Lee 1774 ihre Habseligkeiten zusammenpackte und mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter von Manchester nach Amerika zog. Der Obrigkeit gefielen die ekstatischen Tänze nicht, die die "Believers", wie sie sich damals nannten, mitten im Gottesdienst aufführten. In der Neuen Welt suchte und fand "Mutter" Ann Lee eine neue Heimat für ihre religiöse Gemeinschaft, deren Losung "Hands for work, hearts for god" (Die Hände für die Arbeit, die Herzen für Gott) lautet. Die Shaker haben dabei weniger mit dem Quäkertum gemein als mit dem Calvinismus und der Aufklärung.

 

Kein Neid, kein Besitz, alle sind gleich

1787 entstand die erste Gemeinde in New Lebanon bei New York. Die Shaker waren bettelarm, erlebten aber einen erstaunlichen Zulauf. Das gab Sicherheit, und mit ihrer erfolgreichen Schreinerei schafften sie die wirtschaftliche Grundlage für eigene Schulen. Sie lebten abgeschieden und waren dennoch offen für Besucher. Bis heute. Nach Sabbathday Lake kommen immer noch Tausende Touristen pro Jahr. Und zu den ständigen Gästen zählen auch die "Friends of the Shakers", eine Art Förderverein, ohne den die viele Arbeit auf den Feldern, Obstplantagen und in den Viehställen gar nicht zu leisten wäre.

Die Spiritualität und Lebensphilosophie der Gläubigen hat etwas von einem Sozialexperiment. Neid und persönlicher Besitz ist ihnen fremd, alle Menschen sind für sie gleichwertig. Und das schon seit einer Zeit, als Sklaven keine Rechte hatten und Frauen den Männern zu gehorchen hatten.
Sie leben wie Nonnen und Mönche in einer Wohngemeinschaft, dennoch aber getrennt voneinander. Die Nähe zwischen Mann und Frau darf zwei Meter nicht unterschreiten. Allen gehört alles, und die tägliche Arbeit gilt als Form des Gebets mit anderen Mitteln. Sie sind Kommunisten, die an Gott glauben.

Dass die Gemeinschaft vor ihrem Ende steht, liegt nicht daran, dass es an Interessenten mangelte. Bruder Arnold verrät den Grund: Die Neulinge scheitern in steter Regelmäßigkeit an der fünfjährigen Bewährungszeit. In den vergangenen 100 Jahren hat sie keiner bestanden. 

kna