10.02.2017

Frank Walter Steinmeier im Porträt

Solide, uneitel, christlich

Die Bundesversammlung hat Frank Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten gewählt. Damit wird ein Christ, für den sein Glaube alles andere als hohles Gerede ist, zum obersten Repräsentanten dieser Republik. 

Frank Walter Steinmeier
Foto: imago

Ohne Krawatte steht er da. Locker gegen die Balustrade gelehnt. Stundenlang hört er zu. Gelegentlich klingelt sein Handy. Wie aus dem Handgelenk, so scheint es, dirigiert Außenminister Frank Walter Steinmeier (61) sein diplomatisches Corps. Immer mal wieder kommen Genossen auf ihn zu. Andrea Nahles, Wolfgang Thierse. Und reden mit ihm. Ganz offen. 

Wer ihn einmal im Arbeitskreis der Christinnen und Christen in der SPD erlebt hat, dem ist bald klar: Dieser Mann ist anders als viele Politiker. Klar, wenn Steinmeier, den viele nur „FWS“ nennen, eine Rede hält oder vor der Kamera steht, dann neigt auch er zu vorgestanzten Formulierungen. Doch ansonsten ist er – trotz der vielen Termine im öffentlichen Rampenlicht – immer Mensch geblieben. Sein Blick wirkt nie verengt. Und es ist alles andere als hohles Gerede, wenn „FWS“ von sich sagt, dass er sich lieber um andere kümmert als um sich selbst.

Als seine Frau 2010 schwerkrank wurde, zögerte der Sozialdemokrat keine Sekunden, nahm sich eine Auszeit, legte sich unters Messer und spendete eine Niere. Jüngst gab er das 10 000 Euro hohe Preisgeld des Ökumenischen Preises der katholischen Akademie Bayern der Flüchtlingshilfe Brandenburg. Auch wenn Steinmeier, aus seiner Religiosität weder Aufsehen noch einen Hehl macht, prägen ihn christliche Werte zutiefst. Das Vertrauen auf Gott ist „mir ein Kompass“, gibt mir „ein inneres Gerüst“, sagte der langjährige Außenminister erst jüngst. 

Mit der Wahl zum Bundespräsidenten ist Steinmeier auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Der Mann ist beliebt wie kaum ein anderer Politiker. Seit Monaten steht er beim ARD-Deutschland-Trend an der Spitze. 79 Prozent der Bundesbürger sind mit seiner Arbeit zufrieden.

Das war allerdings nicht immer so. In seiner Partei galt der Jurist und Quereinsteiger als Technokrat, der für Ex-Kanzler Gerhard Schröder als Kanzleramtschef die Aktenarbeit machte und zahlreiche, auch unliebsame Entscheidungen vorbereitete. Viele Genossen haben ihm die Agenda 2010 bis heute nicht verziehen. Steinmeier jedoch sagt: „Es ging darum, Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Ich denke, das ist auch gelungen.“  

Aufgewachsen ist der Sohn eines Tischlers auf dem Land in Brakelsiek, Kreis Lippe. Er hat sich hochgearbeitet, dabei aber nie Bodenhaftung verloren. Über die protestantische, streng calvinistische Kirche seiner Kindheit sagt er: „Ein Gottesdienst unter einer Stunde wäre als Arbeitsverweigerung verstanden worden. Die Liturgie ist bei uns karg, ein Kreuz in manchen reformatorischen Kirchen der einzige Schmuck, in vielen nicht einmal das“. Genauso schnörkellos agiert er oft als Politiker.

 

Soziale Ungerechtigkeit trieb ihn um

Neben dem Christentum waren es vor allem Fragen der sozialen Gerechtigkeit, die Steinmeier früh umtrieben. Mit 19 Jahren wurde er Mitglied der „Jusos“. Ihm wird, wie es Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in einer Festschrift formulierte, „eine tiefe Abneigung gegen jede Aufschneiderei nachgesagt“. Auch aus seinem Privatleben hat Steinmeier nie viel Aufhebens gemacht. Außer seiner Liebe zum Jazz, zur Architektur und zur Literatur ist wenig von dem bekannt, der mit einer kurzen Unterbrechung seit mehr als sieben Jahren die deutsche Außenpolitik bestimmt. Seine Frau, die katholische Verwaltungsrichterin Elke Büdenbender, hat er 1995 geheiratet. Die gemeinsame Tochter wurde 1996 geboren. 

Politisch galt Steinmeier stets als ein Mann des Ausgleichs. Das Amt des Außenministers war ihm – wie auch jenes, das nun wahrscheinlich folgt – wie auf den Leib geschrieben. Als Kanzlerkandidat dagegen war er eine Fehlbesetzung. Weil er das Image des blassen Bürokraten einfach nicht loswurde, geriet die Wahl 2009 mit nur 23 Prozent der Stimmen für die SPD zu einem politischen und für Steinmeier zum persönlichen Debakel. 

Über seinen Politikstil sagte Steinmeier, der sich als „aktives Mitglied“ seiner Kirche bezeichnet: „Meine Religion gebe ich ja nicht an der Garderobe ab, wenn ich morgens an meinen Schreibtisch oder in den Bundestag gehe oder ins Flugzeug steige“. Für den zukünftigen Bundespräsidenten bleiben die Kirchen „wichtige Institutionen“, auch wenn sie deutlich „an Prägekraft für die Gesellschaft eingebüßt haben“.

In diesen unruhigen Zeiten wirkt „FWS“ fast wie ein Gegenentwurf zu all den Autokraten und Populisten, die auf die politische Bühne drängen. Mehr noch: Steinmeier ist das Erstarken von Fundamentalismus und Nationalismus ein „unerträglicher Gedanke“. US-Präsident Donald Trump nannte er noch kurz vor dessen Wahl einen Hassprediger. Für das Haus Europa dagegen streitet er. Und wenn Steinmeier dann erklärt, dass der Horizont von Politik die gesamte Welt sein muss, dann klingt das fast katholisch. Ganz ähnlich wie Papst Franziskus das formuliert. 

Von Andreas Kaiser