08.02.2017

Der Eid und das biblische Schwurverbot

"So wahr mir Gott helfe"

Die Weisung Jesu in der Bergpredigt ist eindeutig: „Schwört überhaupt nicht!“ Aber was hat Jesus gegen das Schwören? Und wieso hat sich in der Kirche das Schwurverbot niemals durchgesetzt?

Auf die Bibel zu schwören, gilt vor allem in den USA als besonders
feierlich. Dabei war Jesus ganz und gar gegen das Schwören. 
Foto: istock

„Ich schwöre, dass ich das mir übertragene Amt nach bestem Wissen und Können verwalten, Verfassung und Gesetze befolgen und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“ So lautet der Diensteid, den Beamte in Nordrhein-Westfalen ähnlich wie in anderen Bundesländern ablegen müssen. Es ist ein sogenannter „promissorischer Eid“. Die Person verspricht damit jemandem etwas: einer Gemeinschaft, einem Land, dem König oder Gott. 

Solche Schwüre finden sich auch im Alten Testament und nicht selten ist es Gott, auf dessen Name geschworen wird. Wie zum Beispiel in Genesis 21: „Um jene Zeit sagten Abimelech und sein Feldherr Pichol zu Abraham: Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst. Aber nun schwör mir hier bei Gott, dass du weder mich noch meinen Thronerben noch meine Nachfahren hintergehen wirst.“ Seltener sind die „assertorischen Eide“, mit denen eine Aussage bei Gericht belegt und bekräftigt werden soll. 

 

Kann man sich auf einen „göttlichen Eid“ mehr verlassen?

Für beide Eide gilt: Wer ihn leistet, bindet sich mit Haut und Haar an den Inhalt des Eides und an die Konsequenzen, falls er nicht die Wahrheit sagt oder sein Versprechen nicht hält. Deswegen wird zur Bekräftigung eine Gottheit angerufen, die Hand beschwörend erhoben, ein heiliger Gegenstand berührt oder sogar eine Selbstverfluchung ausgesprochen wie: „Möge ich tot umfallen, wenn ich nicht die Wahrheit sage.“ Dahinter steckt die Vorstellung, dass der Eid gegenüber einem einfachen Versprechen besonders kraftvoll wirken soll, dass die Schwörenden in gewisser Weise verflucht sind, sollte der Eid gebrochen werden. Und die, denen etwas geschworen wurde, können sicherer sein, dass der Eid nicht gebrochen wird. 

Bis heute hat sich an dieser Praxis nicht viel geändert. Allerdings sorgt nun das Strafgesetz selbst dafür, dass die sogenannten „Meineide“ deutlich höher bestraft werden als unbeeidete Falschaussagen. Auch im Alten Testament gilt der Meineid als ein schweres Vergehen gegen die Gemeinschaft wie auch gegen Gott selbst, insbesondere wenn bei Gott selbst geschworen wird: „Ihr sollt nicht stehlen, nicht täuschen und einander nicht betrügen. Ihr sollt nicht falsch bei meinem Namen schwören; du würdest sonst den Namen deines Gottes entweihen. Ich bin der Herr.“ (Levitikus 19,11–12)

Auf diesen Satz könnte sich Jesus in der Bergpredigt beziehen, wenn er sagt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was Du dem Herrn geschworen hast.“ Anschließend zählt Jesus verschiedene Schwurformeln von Gottes Thron bis zu Jerusalem auf, die möglicherweise zeigen sollen, wie differenziert und dementsprechend auch abgegriffen die damalige Praxis des Schwörens geworden war. Viel wichtiger aber ist das eigentliche Ziel Jesu: den Weg zu einer größeren Gerechtigkeit in dieser Welt aufzuzeigen. Das Schwören an sich ist nicht das Übel, aber: Wenn jeder Mensch wahrhaftig und ehrlich ist: Wozu braucht es dann einen Eid? „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein.“ Dies ist die entscheidende Begründung für die Ablehnung des Schwörens. Wer in der Nachfolge Jesu immer die Wahrheit spricht und mit seiner Rede nicht täuscht, für den ist ein Eid überflüssig. 

 

Das Verbot ist eher eine Provokation als eine Alltagsregel

Dabei ist Jesu Verbot des Schwörens wohl vor allem eine Provokation, die nicht davon ausgeht, dass überhaupt kein Eid mehr gesprochen wird – ähnlich wie bei seinem Wort über die Ehescheidung, wo zwar vom Verbot die Rede ist, Ehebruch als Trennungsgrund aber weiterhin bestehen bleibt (Matthäus 5,31). Trotzdem ist ein theologisches Problem entstanden: Darf nicht mehr geschworen werden? Und was tun, wenn „der Staat“ es verlangt? Noch der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus sagte, dass ein Eid grundsätzlich böse sei. Selbst wenn man gezwungen sei zu schwören, sollte man sich diesem Schwur widersetzen. Diese Position findet man bis heute bei Mennoniten und Quäkern, sie war jedoch auch in der frühen Kirche schon umstritten. 

Das Lehramt der katholischen Kirche hielt über die Jahrtausende mehrfach am Eid fest, ausdrücklich noch in dem „Antimodernisteneid“ von 1910, den alle Kleriker schwören mussten. Auch in den meisten protestantischen Kirchen ist der Eid grundsätzlich nicht verboten. In allen Kirchen jedoch wird auch die Spannung zwischen der Forderung Jesu und der Realität gesehen. Dietrich Bonhoeffer bemerkte dazu einmal, dass der Eid ein Beweis für die Lüge in der Welt sei – vermutlich genau die Wahrheit, die auch Jesus in den Mittelpunkt seiner Weisung stellt.

Wenn Christen hierzulande Jesu Worte beherzigen und keinen Eid mehr schwören wollen, so kommt ihnen heute zumindest das Landesbeamtengesetz des Landes Nordrhein-Westfalen entgegen: „Lehnt ein Beamter aus Glaubens- oder Gewissensgründen die Ablegung eines Eides ab, so kann er an Stelle der Worte ‚Ich schwöre‘ die Worte ‚Ich gelobe‘ oder eine andere Beteuerungsformel sprechen.“ Ob das allerdings nicht bloße Wortklauberei ist, sondern tatsächlich eine Berücksichtigung des Schwurverbots, das dürfte umstritten sein.

Von Christoph Buysch