07.03.2017

Interview mit Margot Käßmann

"An Luther kommt niemand vorbei"

Die Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, erhofft sich einen kirchlichen Aufbruch durch das Gedenkjahr. Im Interview zieht sie eine Zwischenbilanz.

Die Theologin und evangelische Pfarrerin Margot Käßmann ist Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum.
Foto: kna

Etwa ein Drittel des Reformationsgedenkjahres ist vorbei. Können Sie schon eine erste Bilanz ziehen?
Es gab einige wichtige Ereignisse, etwa die gemeinsame Pilgerfahrt mit den katholischen Bischöfen zu den Quellen des Glaubens im Heiligen Land. Aber der Höhepunkt des Jahres kommt noch. Am 20. Mai eröffnen wir die Weltausstellung Reformation, und die 16 Wochen, die dann folgen, sind für mich zentral, weil wir dort diskutieren, wo wir heute Reform und Reformation in Kirche und Gesellschaft brauchen. In diese Zeit fallen auch die Kirchentage in der Region und der große Kirchentag in Berlin.

 


Luther steht im Zentrum dieses Jahres. Manche sprechen gar von Personenkult. Verdeckt das nicht den Inhalt der Reformation?
Persönlich sehe ich keinen Lutherkult, und wir feiern kein Luther-Heldengedenken. Wir sagen: Schon Wycliff und Hus waren Teil der Bewegung, und dann Zwingli, Calvin, Bucer, Melanchthon. Auch die Frauen der Reformation sind Teil der Bewegung. Aber an Luther kommt niemand vorbei! Ein Drittel aller deutschsprachigen Schriften des 16. Jahrhunderts ist nun mal von ihm, aber deswegen wird er nicht zur Kultfigur erhoben. Wir haben uns auch von seinen Judenschriften distanziert, das war ein wichtiger Schritt. Und das Merchandising lässt sich auch mit Humor sehen. Wenn eine halbe Million Luther-Playmobil-Figuren verkauft werden, wird deutlich: Er ist die Symbolfigur für die Reformation.

 


Haben Sie persönlich in diesem Jahr neue Erkenntnisse gewonnen über Luther und die Reformation?
In letzter Zeit habe ich seine Briefe gelesen, und da zeigt sich ein anderer Luther. Er war nicht nur dieser kraftstrotzende Redner, sondern ein Seelsorger, der Menschen mit ihren Lebensproblemen geantwortet hat. Ich denke da an einen Mann, der sich mit Suizidgedanken trug, dem er sehr intensiv und ohne Verurteilung geantwortet hat. Und aus der Biografie von Köhler habe ich gelernt, dass Friedrich der Weise Luther wohl auch politisch benutzt hat in einer Weise, die mir bis dahin unbekannt war.

 


Als Reformationsbotschafterin sind Sie viel unterwegs. Was erleben Sie in anderen Ländern mit Blick auf das Jubiläum?
Dass es ein internationales, kein deutschtümelndes Ereignis ist. Ich komme gerade zurück aus Mittelamerika und habe in Guatemala gesehen, dass dort ein Reformationsdenkmal gebaut werden soll. Die Reformation ist eine Weltbewegung geworden, das habe ich schon bei meinen Reisen nach Tansania und nach Asien erlebt. Wir müssen auch als evangelische Kirche begreifen, dass jede Kirche nur eine Provinz der Weltchristenheit ist.

 


Dieses Reformationsgedenken wird über weite Strecken ökumenisch begangen. Häufig treten die Spitzen von evangelischer und katholischer Kirche gemeinsam auf. Kommt das Eigene des Protestantismus so nicht zu kurz?
Das ist ein interessanter Spannungsbogen! Wenn ich in Vorträgen erkläre, dass uns heute mehr verbindet als trennt, dann sagen viele: Aber wo ist jetzt hier das ganz Evangelische? Und wenn ich das Reformatorische stark in den Vordergrund stelle, dann wird gefragt: Wo bleibt denn da die Ökumene? Es ist immer ein Abwägen. Jedenfalls bin ich froh, dass die anfänglichen katholischen Bedenken kaum noch genannt werden. Da wurde anfangs die Geschichte von Schuld und Spaltung stark betont. Ich denke, der Ökumene-Beauftragte der katholischen Bischöfe, Bischof Gerhard Feige, hat einen wichtigen Beitrag geleistet. Er sagt: Es ist eine Chance, im Lichte Christi zu entdecken, wo die Stärken der anderen Seite liegen.

Meine Perspektive ist jedenfalls nicht, dass, wie Kardinal Brandmüller mal sagte, alle Nebenflüsse wieder in den großen Fluss zurückfließen. Ich habe ihm damals gesagt: Unser Modell ist, dass es eine Quelle gibt, aus der verschiedene Flüsse entspringen. Wir können verschieden bleiben, aber so versöhnt, dass wir miteinander Abendmahl oder Eucharistie feiern können.

 

 

Käßmann erhofft sich einen kirchlichen Aufbruch durch
das Reformationsgedenken. Foto: kna

Gibt es nach der Reformationsdekade und der langen Vorbereitung einen Reformations-Überdruss in den Gemeinden?
Das erlebe ich ganz anders. Es ist wie bei einem großen Familienfest. Du bereitest lange etwas vor, und nun ist das Fest da, und wir wollen es auch feiern. Gerade auf Gemeindeebene erlebe ich sehr viel Kreativität und Ideenreichtum.

 


Der Reformationstag am 31. Oktober wird in diesem Jahr in ganz Deutschland staatlicher Feiertag sein. Ist das nicht zu viel Nähe zwischen EKD und Staat?
Es ließe sich ja auch fragen, ob es nicht zu viel Nähe ist, wenn der Allerheiligentag am 1. November staatlicher Feiertag ist. Die Grundlage ist doch ein Beschluss des Deutschen Bundestages, der gesagt hat: Das ist kein rein kirchliches Event, sondern ein Ereignis mit kulturhistorischer Bedeutung für ganz Deutschland. Von mir aus könnte der Reformationstag jedes Jahr Feiertag sein! Vielleicht könnte damit wieder stärker das Wissen verankert werden, dass wir am 31. Oktober Reformationstag feiern und nicht das aus Amerika importierte Kommerz-Fest Halloween.

 


Sie sprachen vorhin über die Ökumene im Bild von der gemeinsamen Quelle und den verschiedenen Strömen. Wenn wir weiter denken: Wird man 2517 tausend Jahre Reformation auch noch in verschiedenen Konfessionen feiern, oder werden dann die Ströme ins selbe Meer gemündet sein?
Ich glaube nicht, dass wir in einer Welt der Ausdifferenzierung zu einer Art Einheitskirche finden werden. Einheitskirche fände ich genauso langweilig wie Einheitspartei. Das wäre nicht mein Ziel. Es liegt eine kreative Kraft in der konfessionellen Verschiedenheit. Wir Lutheraner würden wohl nicht so oft über unser Abendmahlsverständnis sprechen, wenn es die katholische Sakramenten-Theologie nicht gäbe. Und die Katholiken würden nicht über Frauenordination diskutieren ohne den Anstoß von uns. Und wir alle würden weniger über Liturgie nachdenken, wenn es nicht die orthodoxen Kirchen gäbe. Das ist ja auch eine Bereicherung für alle! Aber dass wir gemeinsam Abendmahl feiern können, darauf hoffe ich. Wir können nicht die Welt zu Einheit und Frieden aufrufen, wenn wir es nicht schaffen, uns an einem Tisch zu versammeln.

 


Was kommt eigentlich nach dem Jahr 2017, wenn die große Reformationsparty vorbei ist?
Ich wünsche mir, dass dieses Jahr zu einem Aufbruch führt. Am Ende der Weltausstellung werden wir einen Aufbruchsgottesdienst feiern. Wir werden uns noch bewusster werden, was es bedeutet, vielleicht auch als Minderheit, das Salz der Erde zu sein. Ich bin zutiefst überzeugt: Die Gesellschaft braucht gerade in diesen diffusen Zeiten die Kirche und die Christen als Menschen mit Halt und Orientierung. Dieses Jahr zeigt uns, wo wir herkommen, und es gibt uns Impulse für den Weg, den wir zusammen gehen können.

kna