01.03.2017

Anfrage

Gott wurde Mensch - warum nicht als Frau?

Schon länger beschäftigt mich die Frage, warum Gott als Mann Mensch geworden ist und nicht als Frau. Gibt es darauf eine Antwort? Barbara Breindl, Friesenheim

Ob es darauf „die eine“ Antwort gibt? Eher nicht! Zumal in Ihrer Frage ja noch mehr steckt, nämlich: Warum wurde Gott zu genau diesem Zeitpunkt Mensch, an diesem Ort in diesem Mann mit dieser Mutter? Die erste Antwort ist so banal wie biblisch: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“ (Matthäus 24,36). Also: Wir können nachdenken, spekulieren, aber sicher wissen können wir nichts. Betrachten Sie alles unter diesem Vorbehalt.


Die zweite Antwort: Gott wurde im Volk Israel Mensch. Das ist zunächst die wichtigste Erkenntnis, denn sie zeigt, dass es offensichtlich ein besonderer Bund ist, den Gott mit dem Volk der Juden geschlossen hat und der, wie es in einem populären Ausspruch heißt, „nie gekündigt wurde“. Alles, was Christen glauben, müssen sie auf dem Hintergrund dieses Bundes betrachten. Ohne Judentum kein Christentum, das scheint in Gottes Plan zu liegen.


Nun ist aber die Messiaserwartung im Judentum klar männlich geprägt, wie überhaupt die Religion zur damaligen Zeit in der damaligen Gesellschaft männlich strukturiert war. Deshalb: Wenn zu dieser Zeit an diesem Ort, dann musste es ein Mann sein. Ein „weiblicher jüdischer Messias“ wäre undenkbar und zum Scheitern verurteilt. Gott bezieht – so kann man es vielleicht sagen – die zeitlichen und kulturellen „Rahmenbedingungen“ in sein Erlösungswerk ein.


Drittens: Immer schon waren theologische Denker unzufrieden mit dem „Männlichkeitsprinzip“. Deshalb hat sich zum Beispiel die „Sophia-Christologie“ entwickelt, der Gedanke, dass sich in Christus die (weiblich gedachte) Weisheit inkarniert hat. Oder der Gedanke des „kosmischen Christus“, (Teilhard de Chardin) der schon im Kolosserbrief (1,16) grundgelegt ist: Christus ist weit mehr als ein konkreter historischer Mann; er ist „der Mensch“. „Der Mann“ ist eher menschliche Begrenztheit.

Von Susanne Haverkamp