01.03.2017

Von Gnade und Gerechtigkeit

Erstaunliche Gnade

Es ist ein so wunderbar einfaches Wort. Kein Fremdwort, kein Modewort – nur etwas aus der Mode gekommen: Gnade. Ganz früher einmal bedeutete es so viel wie „Hilfe“ und „Schutz“. Ein gutes Wort für eine erstaunliche Erfahrung.

Die US-Sängerin LaChanze, die ihren Mann bei den Anschlägen vom 11. September verlor, singt bei der Eröffnung einer Gedenkstätte "Amazing Grace". Das Lied handelt von unfassbarer Gnade, der Rettung aus Schuld und Todesgefahr und von der Hoffnung auf Versöhnung. Foto: imago

Leider ist Gnade – um das Wortspiel zu bemühen – bei vielen in Ungnade gefallen. Das Wort klingt so von oben herab. Menschen wollen aber keine herablassende Gnade, sie wollen Gerechtigkeit. Denn die ist doch das Mindeste. Alles andere kommt oben drauf: Gnade, Barmherzigkeit, Liebe, Erlösung. All die großen Begriffe. Wie bei Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom. Da ist im fünften Kapitel viel von Gnade, Recht und Gesetz die Rede. Von Sünde und Heil.


Menschlich juristisch bedeutet Gnade, eine rechtskräftig verhängte Strafe zu erlassen, umzuwandeln, herabzusetzen oder zur Bewährung auszusetzen. Allerdings muss rechtlich geregelt sein, wer unter welchen Umständen Begnadigungen aussprechen darf. Erst dann gilt: Gnade geht vor Recht. Sonst wäre sie schiere Willkür des Mächtigsten.


Seit Beginn der Menschheit – seit Adam und Eva also – versuchen Menschen, ihr selbstgemachtes Chaos von Schuld und Unrecht in den Griff zu kriegen. Davor herrschte nur das Recht des Stärkeren. Mit der Geschichte menschlicher Gesetzgebung erkennt der Mensch, was recht und was unrecht ist.
Bis zu paradiesischen Zuständen, zum „Himmel auf Erden“ ist es aber noch weit. So weit, dass wir Menschen allein es nicht schaffen können. Sondern nur mit Jesus Christus. Diese Einsicht ist das zentrale Anliegen des Paulus. Deswegen zeichnet der Apostel im Brief an die Römer das ganz große weltgeschichtliche Szenario. Er will und muss seinen Lesern klarmachen, welche Bedeutung Christus und der Glaube an ihn für die gesamte Menschheit haben.


Für Paulus ist die Sünde eine dämonische Macht, eine, die Menschen beherrscht, versklavt, gefangennimmt und einsperrt. Und damit kam der Tod in die Welt. Nicht nur der biologische, auch der soziale und der seelische Tod. Paulus kritisiert nicht das Bemühen an sich, nach Recht und Gesetz zu leben. Er kritisiert das Ansinnen, sich so selbst zu erlösen.

 

Menschen schaffen es nicht, das Mindeste vollständig zu erreichen


Obschon also Recht und Gerechtigkeit das Mindeste sind, bleibt ihre vollständige Verwirklichung unerreicht. Ans Recht hält der Mensch sich erfahrungsgemäß nur bedingt. Winken eigene kurzfristige Vorteile, setzt er sich schnell darüber hinweg. Umgekehrt verzettelt der Mensch sich oft beim Bemühen, möglichst allen gerecht zu werden. Ein Staat, der für alle Fälle gerechte Regeln schaffen will, erstickt durch solche Bürokratie das Leben. Daher geht es auch in einem gut funktionierenden Rechts- und Sozialstaat nicht ohne Gnade und Barmherzigkeit.


Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind zwei Dimensionen einer Wirklichkeit, die sich immer weiterentwickelt, sagt Papst Franziskus, „bis sie ihren Höhepunkt in der Fülle der Liebe erreicht hat“. Die aber kann man – anders als Gerechtigkeit – nicht einklagen, auch nicht durch eigenes Tun. Barmherzigkeit und Liebe sind immer ein Geschenk, eine Gnade.


Gottes Gerechtigkeit, schreibt Papst Franziskus, „ist die Barmherzigkeit, die allen als Gnade geschenkt wird kraft des Todes und der Auferstehung Jesu Christi.“ Gerechtfertigt vor Gott ist nicht, wer einen moralischen oder polizeilichen Faktencheck bestanden hat. Gerecht vor Gott ist, so wiederholt Paulus mehrfach, wer an Christus glaubt. Wer auf ihn setzt und ihm vertraut, der folgt ihm nach. Und wer ihm nachfolgt, wählt den Weg der Liebe – zu Gott und zum Nächsten. Denn Gott ist die Liebe.
Im Römerbrief nun geht Paulus in die Vollen. Es ist das „Think big“ eines wahrhaft Gläubigen. Denn durch Gottes „Gabe der Gerechtigkeit“ werden nicht nur alle, die sich darauf einlassen, von der Sünde und der Macht des Todes befreit, um von einer anderen, guten Macht beherrscht zu werden. Nein, sie selber werden „leben und herrschen“. Durch Jesus.


Das ist so viel größer und großartiger als Schuld und Sünde, als menschliche Moral und Geset-
zeseifer, dass dies ein unverdientes Geschenk ist. Eine „erstaunliche Gnade“, von der das weltbekannte Kirchenlied „Amazing Grace“ erzählt. Das schrieb der ehemalige Sklavenhändler John Newton (1725–1807), nachdem er mit seinem Sklavenschiff im Mai 1748 aus schwerer Seenot gerettet worden war.


Die Rettung aus Seenot wurde zur Rettung auf einem System von Schuld

In dem Moment sank Newton, bis dahin Herr über Leben und Tod Tausender versklavter Menschen, auf die Knie und flehte um Gottes Erbarmen. Newton und das Schiff wurden gerettet. Daraufhin begann er zunächst, seine Sklaven etwas menschlicher zu behandeln. Schließlich verschrieb er sein Leben ganz dem Kampf gegen die Sklaverei. Aus unverdienter, überraschender Rettung erfolgte die Befreiung aus den Verstrickungen von Schuld, Sünde und Tod. Nicht nur für John Newton, sondern für Tausende Sklaven auch. Das ist das Prinzip dessen, worum es Paulus geht: eine „Gerechtsprechung, die Leben schenkt“.

Gesungen wird „Amazing Grace“ immer dann, wenn nach Schuld und Tod, durch das Leid und die Verzweiflung hindurch die Hoffnung auf Versöhnung und neues Leben besungen werden. Von einer Gnade ohne Herablassung, sondern mit offenen Armen und von Herzen kommend.

Von Roland Juchem