25.01.2017

Lob auf "Verlierertypen"

Die Religion der Verlierer

In den Lesungen dieses Sonntags ist die Rede vom „demütigen und armen Volk“; Paulus behauptet, Gott habe „das Törichte in der Welt erwählt“; in der Bergpredigt werden eher Schwache gepriesen. Dazu Fragen an Ass.-Prof. Dr. Martin Dürnberger, Fundamentaltheologe an der Universität Salzburg und Vorsitzender der Salzburger Hochschulwochen:

Haitianische Flüchtlinge in Miami/USA beten den Kreuzweg. Foto: Adveniat/Jürgen Escher

In den Lesungen dieses Sonntags werden Verlierertypen gelobt. Nicht die Klugen, Starken, Schönen, Erfolgreichen. Warum ist Gott so „anti-menschlich“?
Man könnte umgekehrt fragen: Ist uns der Fokus auf das Unbeachtete und Schwache tatsächlich so fremd? In diesen Texten wird doch eine allgemein menschliche Sehnsucht angesprochen: dass es die unscheinbaren Gestalten sind, die letztlich Bestand haben – und dass der Augenschein der Großen, Erfolgreichen, Mächtigen trügt …

 

Aber wer will denn schwach, verachtet und niedrig sein – und sei’s nur heimlich?
Nun – der Grundgedanke ist ja, dass jeweils „mehr“ dahintersteckt, als man sieht – und dass Gott dieses „Mehr“ sieht oder aufdeckt. Der Schwache ist mehr als sein gegenwärtiges Leiden daran, der Barmherzige mehr als die Naivität, die man ihm andichtet. Wir alle führen ja ein mehr oder weniger unscheinbares Leben und hoffen oder sehnen uns danach, dass „mehr“ dahintersteckt …

 

Wie eine Fußballmannschaft, die in der Vorrunde ziemlich mies ist, aber im Finale grandios aufspielt und gewinnt?
Genau. Man könnte zum Beispiel auf Facebook verweisen – denn soziale Medien bedienen genau die Sehnsucht, dass unsere Existenz mehr ist, als es den Anschein hat. Facebook ist quasi eine große Inszenierungsmaschine: Man kann sich damit selbst so darstellen, dass andere sagen: „Wow, was hat der oder die für ein großartiges Leben!“ Diese Spannung zwischen Unscheinbarem, ja Schwachem, und der Sehnsucht, mehr zu sein, ist grundlegend im menschlichen Leben. Darauf spielen auch die Lesungen dieses Sonntags an.

 

Aber bei Facebook hat das doch teilweise sehr unschöne Folgen.
Natürlich bietet Facebook auch die Möglichkeit, das Weltgeschehen zu verfolgen und zu kommentieren – auch mit jenem Gestus, der aktuell diskutiert wird: dass man besser als die sogenannten Mainstream-Medien weiß, was wirklich der Fall ist. 

Oder nehmen wir aktuelle politische Entwicklungen: Auch da spielen zumindest rhetorisch Abgehängte und Verlierer eine besondere Rolle – etwa wenn man vom „kleinen Mann“ spricht. Donald Trump stilisiert sich etwa zu einer Figur, die den Unterprivilegierten gegen das Establishment zu Recht und Ansehen verhilft. So scheinen nicht wenige den Slogan „Make America great again“ verstanden zu haben. Überspitzt formuliert: Trump macht sich den biblischen Gestus, Zukurzgekommene ins Zentrum der Politik zu stellen, zu eigen – zumindest stilisiert er sich so. 

 

Und was wäre der Unterschied zwischen Jesus und Paulus sowie Trump und anderen vermeintlichen Anwälten des kleinen Mannes?
Hier muss man tatsächlich klar differenzieren! Aus Selbststilisierung folgt nicht automatisch entsprechende Politik. Bei der Bergpredigt hört man auch allgemein eine andere Sprache – eine, die verschiedene Gruppen nicht gegeneinander ausspielt. Das klingt bei Trump und anderen anders: Er gibt den weißen Arbeitern scheinbar eine Stimme – aber auf Kosten anderer. Dieses Denken findet man in der Bergpredigt nicht.

 

Martin Dürnberger
Foto: Simon Haigemoser

Geht es nicht im Sinne der Evolution auch um das Überleben des Stärkeren?
Sicher auch. Entscheidend ist: Was haben wir Christen zu bieten angesichts der ständigen Konkurrenz, die darin aufscheint? Wir halten dem die Botschaft eines Gottes entgegen, der allen Menschen in Liebe zugewandt ist. 

Natürlich ist nicht jedes Bedürfnis, das von Populisten bedient wird, per se schlecht. Es gilt aber, genau hinzuschauen, wo ein legitimes Bedürfnis etwa nach Sicherheit problematisch wird, weil es auf Kosten anderer umgesetzt wird. Diese Forderung nach Unterscheidung gilt immer, auch die christliche Botschaft ist nicht selbsterklärend. Zwar kann ich sagen: „Gott ist uns in Liebe zugewandt“ – aber was daraus folgt, muss ich jeweils neu auslegen.

 

Sätze wie die Seligpreisungen sind aber doch recht eindeutig.
Ja und nein. „Selig sind, die arm sind vor Gott“ – was heißt „arm vor Gott“? Wird Armut hier geistlich verklärt? Liebt Gott nur die Armen? Oder bevorzugt er sie in einer bestimmten Weise? Das muss ich erklären. 

Gott bevorzugt die Armen nur, weil sie in ihrem legitimen Streben nach einem guten Leben, nach Gerechtigkeit, Gesundheit, Frieden benachteiligt sind. Grundsätzlich aber gilt Gottes Liebe und Erlösung allen Menschen.

Interview: Roland Juchem