02.03.2016

Fastenserie

Die Quellen des Herrn Angulu

Für westeuropäische Ohren klingt eine solche Tat eher nach staubtrockener Wüste: Dürstende tränken. Wo aber reichlich vorhandenes Wasser krank macht, erhält dieses Werk der Barmherzigkeit eine andere Bedeutung.

 

Zur Einweihung des neuen Brunnens haben sich die Honoratioren versammelt. Emmanuel Angulu (rechts im weißen Hemd) hält sich eher im Hintergrund. Foto: EP-ASE

Wasserholen – das ist Sache der Frauen und Kinder. Männer machen das nicht. Es sei denn, es gibt etwas zu feiern, einen Erfolg etwa. Dann finden sie sich ein: örtliche Politiker, begleitet von bewaffneten Polizisten sowie weitere Honoratioren des Dorfes, des Stadtteils. Ernst und feierlich geht es zu, Ansprachen, Dankesworte, ein Segen und der erste Schluck klaren Wassers aus dem Brunnen, der eingeweiht wird. Solche Erfolge haben viele Väter – nicht nur am Rand der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. Emmanuel Angulu hat schon viele solcher Brunnen mit eingeweiht. Er weiß, dass die Brunnen – um im Bild zu bleiben – nicht allein seine Kinder sind.

Die Geschichte von Herrn Angulu und den Brunnen beginnt 1993 in Kikwit, einer Stadt 550 Kilometer östlich von Kinshasa. Dort sterben elf Schüler des „Instituts de la Fraternité“, einer Schule des Bistums Kikwit. Viele erkranken an Typhus und Cholera. Der Grund ist schnell ausgemacht: Eine Quelle, aus der die Schüler tranken, war nicht sauber eingefasst. „Ihr Wasser wurde von kontaminiertem Regenwasser verunreinigt“, erzählt Angulu.

Daraufhin gründet der Pfarrer der örtlichen Kirchengemeinde eine Arbeitsgruppe. Ihr gehören Mitglieder der Entwicklungsausschüsse mehrerer Gemeinden an. Leute, die sich darum kümmern, das Leben ihrer Nachbarschaft besser, gesünder und sicherer zu machen. Drei Tage beraten die Experten. Geht es doch nicht nur darum, eine kurzfristige Lösung zu finden; ebenso müssen Wege organisiert werden, sie praktisch umzusetzen und zu sichern.

„Wir haben die Quelle dann sauber eingefasst, gesäubert und den Menschen erklärt, wie sie zu warten ist“, sagt Angulu. Den Sohn einer kleinen Bauernfamilie, geschult bei den Jesuiten und studierter Entwicklungsingenieur, hatte der Pfarrer ebenfalls zur Arbeitsgruppe eingeladen.

Der Erfolg stellt sich schnell ein und spricht sich ebenso schnell herum. So beginnen kirchliche Basisgruppen in Kikwit damit, vorhandene Brunnen zu sanieren und einzufassen. Weil aber die Aufgabe, Dürstende zu tränken, oft Teil eines größeren Kreislaufs ist, kümmern sie sich zudem um Abwasserkanäle, Toiletten und
andere Elemente der Hygiene.

 

Nach zehn Jahren erfolgt der Ruf in die Hauptstadt

Zuvor mussten Frauen und Kinder das Wasser aus Löchern
holen, die mit Krankheitskeimen belastet sind. Foto: EP-ASE

So entsteht aus den kirchlichen Basisgruppen die Organisation EP-ASE, die schon 1994 – nur ein Jahr später – von Kommune und regionalem Gesundheitsamt anerkannt wird. Damit erhält das Engagement Emmanuel Angulus und seiner Mitstreiter ein ganz anderes Gewicht. In den folgenden Jahren übernimmt Angulu die Leitung der Organisation. Sie wächst, wird 2005 auch von der Nationalregierung anerkannt und in die Hauptstadt geholt. Dort sind es die Menschen leid, jahrelang darauf zu warten, dass ihnen die nationale Wasserversorgung endlich Zugang zu sauberem Wasser verschafft. In den vergangenen Jahren sind Zehntausende an die Ränder der 11-Millionen-Metropole gezogen. Genervt, gepeinigt und verzweifelt, weil es auf dem Land weder Infrastruktur noch Sicherheit gibt.

Doch die Lage rund um die Hauptstadt ist kaum besser. Armut grassiert. Wieder sind Kinder und Frauen die ersten Opfer von Durchfallerkrankungen, Typhus und Cholera. Die Diagnose ist die gleiche wie in Kikwit: schmutziges Trinkwasser, verunreinigt durch abwasserverschmutztes Regenwasser. Als Therapie empfehlen Angulu und seine Mitstreiter wiederum: eingefasste Brunnen mit sicherer Quelle.

„Wasser ist ein tägliches, unverzichtbares Lebensmittel“, sagt er beschwörend, „der Zugang zu Trinkwasser ein Grundrecht.“ Der Mangel an Wasser verletze die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dagegen kämpft EP-ASE, die Nichtregierungsorganisation, der Angulu angehört. Dazu gehört nun aber nicht nur, Quellen einzufassen und Leitungen zu verlegen. Dazu gehören ebenso regelmäßige Informationen, ja Schulungen der Bevölkerung, wie sie an sauberes Wasser gelangt, wie sie das kostbare Nass sauber hält und was sie noch tun können, um gesund zu bleiben. 

 

Barmherzigkeit verhilft zu Eigenverantwortung


Und dann sollen sich die Menschen in den Siedlungen selber drum kümmern. Das barmherzige Werk, Dürstende zu tränken, mündet so in die Fähigkeit und Verantwortung, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Barmherzigkeit ist momentaner Impuls, Anstoß, Hilfe – Eigenveranwortung hingegen das angestrebte dauerhafte Ziel. Oder wie Angulu es formuliert: „EPA-SE hilft, Aktionen umzusetzen, die von den Basisgemeinden vor Ort geplant wurden. Wir geben ihnen technische Unterstützung sowie Beratung mit auf den Weg, damit die Basisgemeinden die Infrastruktur ihrer Gemeinde selber nachhaltig verwalten können.“

Fatu Robert Kiangi wurde von den Bewohnern der Gemeinde Cogelos bei Kinshasa zum Manager des örtlichen Wasserprojektes gewählt. Er weiß, dass nicht jeder Brunnenbau sofort funktioniert. „Beim ersten gab es Probleme mit den Sandsackfiltern, und dann fielen die gemauerten Ziegel auseinander. Seitdem wir aber mit Hilfe von EP-ASE den Brunnen neu gebaut haben, kommt das Wasser frisch, schmackhaft und kühl, als hätte man es gerade aus dem Kühlschrank genommen.“

 

Ein Missionar für Brunnen und das Evangelium

Klares, sauberes Wasser sprudelt aus der Quelle. Der Dank 
an die Spender, unter anderem Misereor, fehlt nicht. Foto: EP-ASE

Emmanuel Angulu und seine Mitstreiter gehen in jene Viertel und Hütten, in die sich sonst keiner wagt: Pioniere für die Wasserversorgung – und für das Evangelium. „Denn für mich als Christen ist dies meine Mission, mein Apostolat“, betont der hagere Mann nachdrücklich. „Entwicklung ist ein anderes Wort für Evangelisation.“ Ohne die Kraft, die sie aus dem Evangelium ziehen, könnten sie das nicht tun. 

Wenn in der Familie Wasser fehlt, macht das die Frau krank und stößt die gesamte Familie in große Unsicherheit. „Dann gehen Frieden und Liebe verloren. Ich habe das seit meiner Kindheit erlebt und bei meiner eigenen Mutter gesehen.“ Emmanuel Angulu sieht aber auch die Erfolge seiner Arbeit, weniger dann, wenn ein Bürgermeister mit Schärpe aufkreuzt. Sondern, wenn Kinder wieder gesund werden, wenn Menschen Vertrauen wiedergewinnen, den Bau und Erhalt eines Brunnens zu ihrer Gemeinschaftsaufgabe machen – „dann erfüllt uns das mit Stolz“.

„Seit es diesen Brunnen gibt, müssen wir nicht mehr unter sengender Sonne kilometerweit laufen. Seitdem brauchen wir keine Medikamente mehr“, sagt Mama Henriette, während sie am Brunnen von Cogelos einen 20-Liter-Kanister füllt. Und sie fügt hinzu: „Danke, Herr Angulu, Gott segne Sie für dieses Werk. Ohne Wasser können wir nicht leben; daher haben Sie etwas getan, was die Gottesdiener früher getan haben. Gelobt sei Gott! Möge er dieser Arbeit noch zu vielen weiteren Erfolgen verhelfen.“

Von Adegbola Faustin Adeye und Roland Juchem