16.03.2016

Fastenserie

"Da kriegste schnell Augenmaß"

Nackt kommen sie nicht an, die Flüchtlinge in Mainz-Layenhof. Aber spärlich bekleidet für die winterliche Zeit. Ehrenamtliche in der Kleiderkammer statten sie aus. Und sind dankbar für Mithilfe.

 

Hübsch ist anders: Die Kleiderkammer in der Erstaufnahmeeinrichtung in Layenhof. Foto: Sibylle Brandl

Direkt hinter den Spargelfeldern geht’s links rein – am Ende von Mainz, Richtung Ingelheim. Chaotische Beschilderungen, irgendwie asphaltierte Straßen. Links zur Wohnsiedlung Layenhof mit rund 450 Bewohnern, rechts zur Erstaufnahmeeinrichtung der Landeshauptstadt mit geplanten 750 Plätzen. Sie war im August 2015 zunächst als Erweiterung der Hauptstelle in Ingelheim gedacht mit einer Belegung von höchstens 500 Personen mit einer durchschnittlichen Verweildauer von sechs Wochen. 

Es weht ein kalter Wind, grau ist die vorherrschende Farbe, dann Bauzäune und beige Container. Kein Mensch zu sehen. Wer sich der Kälte entziehen kann, bleibt drinnen. Von meiner Kontaktperson ist weit und breit nichts zu sehen, ich weiß nur, dass der Standort der Kammer nicht leicht zu finden ist, deswegen wollten wir uns ja hier treffen. Also durchfragen. Die Menschen auf dem Gelände haben Tausende Kilometer hierher gefunden, da werde ich doch diese Kammer finden.

Endlich: eine weiße Metalltür, verschiedene Zettel geben einen Hinweis, hier muss es sein. Hinter der Tür ist es etwas wärmer, trotzdem werde ich die ganze Zeit die Winterjacke anbehalten, rechts ein provisorischer Verschlag mit Vorhang, links ein Raum mit Kisten, der gerade gekehrt wird, zwei Tische als Abgrenzung und meterweise Regale mit sortierter Kleidung. Rechts und um die Ecke für Kinder, links wenige Meter für Frauen und regalweise Männerkleidung, im hinteren Raum einige Buggys und in einem Extraraum Schuhe – sortiert nach Größen und nach Zentimetern. 

 

„Warum ich hier helfe? Na, warum nicht?“


Zwar weiß keiner, dass ich kommen wollte, aber das ist auch kein Problem, vor allem, als Susanne (man duzt sich) erfährt, dass ich zum Mithelfen da bin. „Prima, kann nämlich sein, dass wir heute unterbesetzt sind, ich geh nämlich gleich, bin seit acht Uhr hier. Aber wir haben’s geschafft, heute alles wegzuräumen, was reingekommen ist“, sagt sie genauso stolz wie müde und durchgefroren. 

Wer heute zum Dienst da ist, ist schon von Anfang an, seit Sommer 2015, mit dabei und stammt aus den beiden angrenzenden Stadtteilen. „Ich mach das immer nachmittags – seit dem Sommer“, erklärt Roswitha. Und warum? „Warum nicht“, ist ihre lapidare Antwort, so ähnlich äußern sich auch andere. Man macht hier kein Aufheben ums Engagement. Man ist da. Punkt. Rainers Frau arbeitet noch, er selbst ist seit zwei Jahren in Ruhestand und hilft auch noch bei der Tafel mit. „Die Woche hat ja schließlich sieben Tage, da bleibt auch noch genügend Zeit für die Familie.“ „Ich kann nicht immer sagen, das ist alles ein Problem und dann selbst nichts tun, damit es anders wird“, meint Jörg, der „guckt, dass es hier läuft“. 

Wie was zu laufen hat, da gehen die Ansichten häufiger auseinander. Eine Helferin schüttelt den Kopf, wer hat Klamotten eingeordnet? „Sind das Analphabeten?“, entfährt es ihr, als sie ein XL-Shirt aus einer M-Kiste herausfischt. Und auch darüber, wie eng man die Regeln auslegt, gehen die Meinungen auseinander. Aber immer wieder auch Verständnis und Lachen, dass hier jeder seine eigene Auffassung und sein eigenes Ordnungssystem hat und das andere auch mal nicht akzeptiert. „Da kann nächste Woche schon wieder anders sein, ist halt so.“

„Rainer, kannst du die Tür machen?“, schallt es durch den Raum, und zu mir: „Dann könntest du den Läufer machen.“ Ich bekomme große Augen, denn woher soll ich wissen, was wo ist und was man für eine Größe braucht? „Kriegste schnell hin und Augenmaß. Die Flüchtlinge bekommen einen Bedarfszettel ausgestellt –komplettes Erstpaket – je eine Hose, Shirt, Jacke – oder nur Schuhe oder was sonst draufsteht, dann holst du das aus dem Regal. Ich nehme meist von jedem drei Stück und dann können die auswählen, aber groß gefeilscht wird nicht, dazu haben wir keine Zeit“, erklärt die zweite Susanne. 

Im Durchschnitt werden um die 30 Zettel pro Tag bearbeitet. „Also wenn wir da einige Familien mit mehreren Kindern haben, dann wird’s zeitlich arg eng, da sind wir richtig am Rennen“, erklärt sie, die heute die Zettel entgegennimmt und mit den Dolmetschern, Bewohnern des Camps, versucht zu klären, was zu klären ist. Das ist manchmal gar nicht einfach und führt „je nach Mentalität“ auf beiden Seiten auch mal zu Auseinandersetzungen. Aber wenn die es einfach nicht verstehen? „Och, dann red isch uf Pfälzisch, dann verstehn mer uns schon“, meint Roswitha grinsend, und man kann sich ihren resoluten Tonfall bei einem solchen Vorfall gut vorstellen. 

 

Arabisch und Englisch, Hände und Füße

Jede Menge Schuhe - gut sortiert,
damit es schnell geht. Foto: S. Brandl

„Das sind ja oft nicht nur die Worte, sondern auch die unterschiedlichen Gewohnheiten und die Mentalität. Wir hatten mal einen, der hatte Flip-Flops an, eine Sieben-Achtel-Hose und war obenrum dick eingepackt. Der wollte dann nur Handschuhe“, erinnert sich Rainer lächelnd. 

Heute ist es vergleichsweise ruhig. Ein junger Mann kommt auf Krücken und mit zwei Freunden. Es dauert fast 20 Minuten auf Englisch, Arabisch, Französisch, bis wir sein Anliegen richtig verstehen. Mit viel Gelächter auf beiden Seiten arbeiten wir uns zu einer Lösung vor. „Shukran – Danke!“ Glücklich ziehen er und seine Kumpels mit Sandale, Turnschuh und Socken ab.

Es menschelt manchmal arg. Aber es wird viel gelacht, und man versucht, gelassen zu bleiben. Und so steht es auch ganz oben auf der Kurzregelliste: „Es soll allen Spaß machen.“ „Wenn das nicht so wäre, dann wäre ich nicht mehr dabei“, sind sich alle einig. Und versuchen, ihre eigenen Animositäten hintenan und sich selbst in den Dienst der Sache zu stellen.

Von Sibylle Brandl